Ausstiegsmodell aus der Schichtarbeit

Um was geht es?

Schichtarbeit, eine ohnehin schon problematische Arbeitsform, wird in höherem Alter zu einer ernsthaften Gefährdung der Gesundheit. Sie ist im Prinzip älteren Beschäftigten nicht mehr zuzumuten, doch in vielen Unternehmen, die obligatorisch im Schichtsystem arbeiten lassen, existieren keine Alternativen zur Wechsel- oder Kontischicht. Wie kann man in solchen Betrieben trotzdem Älteren die Möglichkeit eröffnen, zumindest aus der Nachschicht auszusteigen? Die Firma SICK AG hat dazu ein Modell entwickelt und erprobt, das es durch die Einführung einer begrenzten und freiwilligen Dauernachtschicht älteren Mitarbeitern erlaubt, in den Zweischichtbetrieb zu wechseln und die für sie strapaziöse Nachtarbeit zu vermeiden.

Welchen Nutzen hat der Betrieb?

Ältere Mitarbeiter im Dreier-Wechselschichtbetrieb sind eine gesundheitliche Risikogruppe. Untersuchungen zeigen, dass mit zunehmendem Lebensalter bei den meisten von ihnen die ‚Schichttauglichkeit’ abnimmt und das Erkrankungsrisiko steigt. Da die Belegschaften im gewerblichen Bereich, der Domäne der Schichtarbeit, noch stärker altern als im Angestelltenbereich, kommen auf die Betriebe Arbeitseinsatzprobleme zu, die die Kosten in die Höhe treiben können. Wer dem vorbeugt durch das Angebot humanerer Arbeitszeiten für Ältere, spart auf mittlere Sicht Geld, zumal das Ausstiegsmodell kostenneutral zu realisieren ist.

Wie sieht das Modell aus?

Das frühere Dreischichtsystem ist in ein Zweischichtsystem und eine Dauernachtschicht umgewandelt worden. Die Dauernachtschicht ist freiwillig und im Regelfall auf ein Jahr begrenzt. Sie kann höchstens dreimal verlängert werden. Um danach erneut in die Dauernachtschicht zu kommen, müssen die fraglichen Mitarbeiter mindestens ein Jahr im Zweischichtbetrieb gearbeitet haben. Voraussetzung, um in die Dauernachtschicht aufgenommen zu werden, ist die Absolvierung eines Gesundheitsworkshops für Schichtarbeiter, der obligatorisch jedes Jahr stattfindet. Überdies wird die Dauernachtschicht intensiv in das Gesundheitsmanagement einbezogen. Für die Regelung dieses neuen Schichtmodells ist eine Betriebsvereinbarung abgeschlossen worden.

Wie wird vorgegangen?

Die Änderung bestehender Schichtmodelle gelingt i.d.R. nur, wenn die davon betroffenen Mitarbeiter und Führungskräfte intensiv in den Prozess der Konzipierung einbezogen werden. Die wichtigsten Partizipationsformen dabei sind:

  • Eine Erhebung des Ausgangszustandes durch die Befragung der Beschäftigten nach ihren Erfahrungen mit der Schichtarbeit und nach ihren Präferenzen.
  • Die Diskussion mit den Beschäftigten und den Führungskräften über verschiedene Modelle der Schichtarbeit und des Ausstiegs aus der Schichtarbeit, um eine Wahl zu treffen, die von einer Mehrheit der Betroffenen befürwortet wird und um Akzeptanz bei allen zu finden.
  • Die Vermittlung der Philosophie des Ausstiegsmodells und die Aktivierung der Beschäftigten für die ‚Arbeit am Modell’, die im Gesundheitsworkshop geschehen soll.

Entscheidend bei der Umsetzung ist weiterhin, dass die Dauernachtschicht kein unkontrollierbares Eigenleben entwickelt, sondern an das betriebliche Geschehen angekoppelt bleibt. Die Kommunikation mit den Führungskräften und mit den betrieblichen Dienstleistern muss ebenso gesichert werden wie ihre Integration in das betriebliche Gesundheitsmanagement und die betriebliche Weiterbildung. Und nicht zuletzt gilt es, das gefundene Regelwerk durch eine Betriebsvereinbarung verbindlich zu machen und das Modell unternehmensweit zu legitimieren.

Die Idee der freiwilligen und begrenzten Dauernachtschicht:

  Auftaktveranstaltung und Workshop zu

  • Risiken und Gefah­ren von Nachtarbeit
  • Präventions-möglich­keiten
  • Aufklärung über Inhal­te der Vorsor­geuntersuchung
  • Hinweis auf Schwei­gepflicht des Be­triebsarztes

Mindestens 1 Jahr, maximal 4 Jahre

Ausstieg aus der Nachtschicht für mindestens 1 Jahr:

  • in 2er Wechsel­schicht
  • Gegenschicht falls Partner vorhanden oder
  • anderen Arbeits­platz

Bewerbung für die freiwillige und be­grenzte Dauernacht­schicht

Teilnahme an Bau­stein „Schichtarbeit und gesundheit“

Dauernachtschicht

Früh-Spät-Wechsel­schicht

Zeit / Lebensphase    ▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬► 

Quelle:  © Reindl – BMBF-Vorhaben LEGESA 2010

Modelle im Vergleich:

 

Bisherige Modell

Modell „Freiwillige und be­grenzte Dauernacht­schicht“

Vorteil / Risiko

Betroffener Mitarbeiter­bereich Viele Mitarbeiter müssen sich immer wieder auf eine Phase der Nacht­arbeit einstellen und den biolo­gisch, sozial und psychisch komplizierten Wechsel im 3-Schicht-Betrieb bewältigen Einzelne Mitarbeiter können sich für einen festgelegten Zeitpunkt für die Dauer­nachtschicht mel­den Planbarkeit für Mitar­beiter und Unterneh­men, W-L-B wird unter­stützt, Möglichkeit des Ausstiegs aus der Nachtschicht
Nachtschicht­phasen Nachtschichten müssen von vielen Mitarbeitern im Laufe ihrer Betriebs­biografie ge­leistet wer­den Nachtschichtphasen sind zeitlich begrenzt (mind. 1 Jahr, max. 4 Jahre) und freiwillig gewählt Lebensphasenorientie­rung und persönliche Vorlieben können be­rücksichtigt werden
Zuschläge Mitarbeiter integrieren die ver­traglich geregel­ten Nachtschicht­zu­schläge in ihre Lebens­planung Mitarbeiter können die Nacht­schichtzuschläge nur für begrenz­te Zeit in ihre Planung integrieren Weg von dem gefährli­chen Grundsatz „Gold gegen Gesundheit“
Nachtschicht-Team Besteht aus meist wech­selnden Mitarbeitern Besteht aus klar definierter Gruppe von Mitarbeitern Zusammengehörigkeits­gefühl und Verantwor­tungs­bewusstsein steigt, Kommunikation mit der Führungskraft wird er­schwert
Gesundheit Gesundheitschecks in Form von Angebots-unter­suchungen (wenig ge­nutzt), Ausstieg erst bei gesund­heitlicher Beein­träch­tigung Baustein „Schichtarbeit und Gesundheit“ als Pflicht-veran­staltung vor Eintritt in die Dauer­nacht­schicht Gezielte Sensibilisierung nicht mehr nur in Form eines Ange­botes medi­zini­scher Unter­suchung, son­dern in Form eines (inter­aktiven) Bausteins als Vor­aussetzung

Quelle: © Reindl – BMBF-Vorhaben LEGESA 2010

Welcher Aufwand ist erforderlich?

Die Veränderung von Schichtmodellen ist mit einigem Aufwand verbunden, der vor allem in der Partizipation der Mitarbeiter besteht. Ihre Befragung und ihre Teilnahme am Workshop erfordern zeitliche Ressourcen. Zeitaufwände für komplizierte Neuberechnungen, wie sie sonst beim Wechsel von Schichtmodellen anfallen, spielen in diesem Fall keine Rolle.

Was ist besonders zu beachten?

Das Ausstiegsmodell ist nicht nur ein Modell für ältere Mitarbeiter, sondern – falls sich genügend Freiwillige für die begrenzte Dauernachtschicht finden – eines für alle Mitarbeiter, die Probleme mit Nachtarbeit haben. Es ist wichtig, dies zu kommunizieren, um Ältere nicht zu stereotypisieren. Überdies muss deutlich werden, dass die begrenzte Dauernachtarbeit, die auf bestimmte Leute einen besondere Attraktion ausübt, ein ‚notwendiges Übel’ ist, um anderen den Ausstieg zu ermöglichen. Ein Anspruch auf Nachtarbeit existiert nicht. Die Dauernachtarbeit unterliegt vielmehr der besonderen Beobachtung des Arbeits- und Gesundheitsschutzes und sie wird nach einem Jahr beendet, wenn neue Bewerber auf der Warteliste stehen.

Transferhinweise: Das Modell eignet sich in jedem Fall für alle Betriebe, die Dreischichtbetrieb fahren und das Wochenende frei halten (diskontinuierlicher Schichtbetrieb). Für Unternehmen, die in Kontischicht arbeiten, sind auch andere Modelle vorstellbar, die auf die Einrichtung einer Dauernachtschicht verzichten.
Referenzbetriebe: SICK AG, Waldkirch
Bezugsquellen:  Modell „Freiwillige und begrenzte Dauernachtschicht“ (291 KB)
Betriebsvereinbarung „Freiwillige und begrenzte Dauernachtschicht bei der SICK AG als Pilotversuch“ (197 KB)
Workshopkonzept „Schichtarbeit und Ausstiegsmodell“ (191 KB)
Foliensätze: Informationsblock I: Modell und Betriebsvereinbarung (49 KB)
Informationsblock 2: Schichtarbeit und Gesundheit a) (48 KB)
Informationsblock 2: Schichtarbeit und Gesundheit b) (621 KB)
Interaktionsblock 1: Leben im Modell – Erfahrungen mit der Nachtarbeit (49 KB)
Interaktionsblock 2: Verbesserungen (40 KB)
Autor: Josef Reindl – reindl@iso-institut.de
Schlagwörter: Arbeitszeit, Schichtarbeit, Nachtarbeit, Personaleinsatz

Letzte Aktualisierung dieser Seite: 16. August, 2013